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LEISTUNGSSPORT BEI KINDERN – ENTWICKLUNG IST ALLES

Vor ein paar Wochen war ich interessierter Beobachter der Hessischen 11- und 12-jährigen Mädchen und Jungs, die ihre Tennis-Hallenmeister ermittelten. Beeindruckend wie schnell die Kinder heute Tennis spielen, wie athletisch sie teilweise schon sind, obwohl sie gerade übers Netz schauen können. „Es hat sich sehr viel verändert“, war meine Erkenntnis, bis ich in einer Pause zwischen 2 Matches meines Mental-Schülers ungewollter Zuhörer von Gesprächen zwischen Eltern wurde. Die Tochter habe „beim Turnier in Irgendwo die Soundso geschlagen, so viele Punkte gesammelt und steigt nun auf der Rangliste. Ihr LK hat sie damit auch verbessert“. Ein Vater berichtete, dass sein „Sohn ganz knapp dran war, an einem Sieg gegen einen Kaderspieler aus Bayern. Die Punkte hätten ihn in der Rangliste weitergebracht“. Ich möchte das gar nich verurteilen, da ich weiß, dass meine Eltern vor gut 40 Jahren genauso geredet haben. Umso schlimmer, dass es in diesem Bereich anscheinend keine Entwicklung, kein Umdenken gegeben hat.

Es geht nach wie vor um Vergleiche und Ergebnisse, es geht um Ranglisten, es geht um Titel, um Prestige und Image. Und natürlich ist das auch normal, schließlich ist es ein Wettkampf. Trotzdem dachte ich, „wie schrecklich“. Wie viele Kinder der diesjährigen Hessenmeisterschaften werden in 5 Jahren überhaupt noch Lust am Wettkampfsport haben, wenn sich ihr Selbstwert aus Siegen, Ranglistenplätzen und Kaderzugehörigkeiten definiert?

In einem Gang, der zu den hinteren Plätzen des Tenniszentrums führte, entdeckte ich schön gestaltete Collagen über das ITF Jugendweltranglistenturnier, das jedes Jahr beim HTV stattfindet. Bilder von Spielerinnen und Spielern sowie die Ergebnistableaus der vergangenen Jahre waren dort abgebildet. Mir sprang sofort ein Name ins Auge: Nick Kyrgios. „Der hat hier mitgespielt? Das ist ja toll“, dachte ich mir. Der Australier verlor damals in der 1. Runde sang- und klanglos 1:6, 2:6. D.h. er hat keine Punkte für die Rangliste erhalten und keine Verbesserung der LK erzielt. Wahrscheinlich bekam er aber einen verbalen Einlauf von seinen Eltern oder Trainern im Stile von „so wird das nie was!“. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht war es aber auch so, dass sich Nicks Eltern und Trainer gar nicht um das Ergebnis gekümmert haben, sondern nur, ob sich der Filius im Vergleich zum letzten halben Jahr verbessert hat. Was hat er dazugelernt? Wo hat er sich verbessert? Was klappt noch nicht so gut? Woran muss er noch arbeiten? Und das Turnier in Offenbach war nur eine Momentaufnahme, um seinen Leistungsstand unter Matchbedingungen zu überprüfen. Danach wurde der Trainingsplan angepasst und es ging weiter. Der gute Nick hatte wahrscheinlich gar nicht auf dem Plan, das Turnier auf der Rosenhöhe zu gewinnen. Er träume damals davon, als Erwachsener Profispieler zu werden und unter die Top100 der Weltrangliste zu kommen. What the fuck is Offenbach? One day I gonna play in Wimbledon!

Mit dem Tennistrainer und dem Vater meines Schülers ist vereinbart, dass es in diesem Alter einzig und allein um Entwicklung geht (technisch, athletisch, mental). Es geht um die Erhöhung der Qualität und um den Willen und die Disziplin, gesteckte Entwicklungsziele zu verfolgen. Der wichtigste Faktor ist aber der Spaß am Tennis und am Wettkampf. Denn bei aller Bedeutung, die den Kindern durch diese Meisterschaften, durch das Verhalten der Eltern, der Trainer vermittelt wird, ist es am Ende nur ein Spiel – nicht mehr und nicht weniger.

Mein Schüler hat im Halbfinale seinen Meister gefunden – und wurde also KEIN Hessenmeister. Schwamm drüber! Noch vor ein paar Wochen machte er viel zu viele Doppelfehler pro Match, nun nur noch 3-4, weil er mit seinem Tennistrainer an seinem Aufschlag gearbeitet hat. Am Anfang der Saison überkamen ihn in einem Match oftmals die Emotionen und er begann zu weinen. Nun trägt er den Kopf oben, feuert sich an und kann sich gut beruhigen, wenn es gegen ihn läuft. Das alles ist eine positive Entwicklung – und das ist gut so. Auch wenn es dieses Mal nicht zum Titel reichte – wir haben danach erarbeitet, was ihm fehlt, woran er arbeiten muss, um sich zu verbessern. Ob er dann irgendwann mal Hessenmeister wird oder wie Nick in Wimbledon spielt, kann ihm niemand versprechen. Ob er sein bestes Tennis spielen wird und Spaß am Wettkampf hat? Das garantiere ich ihm schon heute!